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Beatmungspatient und nun. Ein Fall fürs Heim?

Die erste Reaktion: Empörung, ein Skandal, was denkt sich der Bundesgesundheitsminister dabei?

Die zweite Reaktion: Eine Gesetzesinitiative, die eine differenzierte Betrachtung erfordert. Zunächst einmal ist die Intention -Patientenschutz – eine Aufgabe, die den Gesetzgeber fordert. Traurig ist es jedoch, dass solche Initiativen notwendig sind. Notwendig, weil es in der derzeitigen Versorgungsstruktur auch Personen gibt, die als Vertragspartner der deutschen Krankenversicherung und professionell Pflegende ganz offensichtlich nicht ihrer Verantwortung nachkommen. Schlimmer noch, sich daran bereichern. Schlimm ist es auch, dass damit die vielen professionell Pflegenden getroffen werden, die eine gute Arbeit machen und das schwerst erkrankte Menschen nicht in ihrer persönlichen Umgebung versorgt werden sollen. Bedauerlich, dass der Grundsatz „ambulant vor stationär“ aufgegeben wird.

Als Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege sind mir die Menschen, um die es hier geht, aus meiner beruflichen Praxis bekannt. Ich weiß wie zeitaufwendig und arbeitsintensiv es ist, jemanden von der Beatmung zu entwöhnen. Ebenso weiß ich, dass hierfür ausgebildete Spezialisten im Bereich der pflegerisch-medizinischen Versorgung notwendig sind. Fachkräfte, die derzeit bundesweit händeringend gesucht werden. Für mich stellt sich mit Recht die Frage, wer sind diese sogenannten Fachkräfte, die die ganzen Beatmungspatienten versorgen? Ich bin mir sicher, dass nur ein kleiner Teil dieser Fachkräfte die Berufsbezeichnung Fachkrankenschwester / -pfleger für Intensivpflege führen darf. Seit Jahren habe ich immer wieder Einblick und bekomme Anfragen zur Versorgung. Auch habe ich selbst einmal Personal gesucht, um Patienten in der Häuslichkeit versorgen zu können. Vergebens. In Einzelfällen haben wir, wenn die Rahmenbedingungen es zuließen, dieses Klientel versorgt. Unsere Mitarbeiter waren Pflegefachkräfte mit entsprechender klinisch intensivmedizinischer Erfahrung und Ausbildung. Bisweilen auch erfahrene Altenpflegekräfte mit einer entsprechenden Weiterbildung in der außerklinischen Beatmungstherapie. Aufgrund der damit gemachten Erfahrungen kann ich jedoch aus meiner ganz persönlichen Perspektive nur ausführen, dass die üblichen „Schmalspurschulungen“ in diesem Bereich nicht ausreichen, um eine sichere Versorgung dieses Patientenkollektives zu gewährleisten. Nicht selten war die Präsenz routinierter Fachkräfte gefordert. Möglicherweise hänge ich damit die Messlatte zu hoch, aber es geht um die Versorgung hochgradig gefährdeter Menschen, bei denen regelmäßig mit teils vital bedrohlichen Komplikationen zu rechen ist und ein entsprechend schnelles und sicheres Handeln notwendig ist.

Vor diesem Hintergrund muss man mit recht sagen, dass hier entsprechende gesetzliche Regelungen notwendig sind. Aber was nutzen uns Gesetze, wenn diese nicht wirklich kontrolliert werden und Sanktionsmaßnahmen vorsehen? Nichts.

Hierzu ein kleiner Exkurs zum Thema Gesetze und Kontrolle im Bereich der Pflege. In Niedersachsen unterliegt die stationäre Altenpflege diversen Regularien. Parallel dazu entstehen geradezu inflationär sogenannte Seniorenwohngemeinschften und das Gesetz über neue Wohnformen (NuWG) beinhaltet auch eine Definition, die die verschiedenen Wohnformen voneinander abgrenzt. Aus diversen Schilderungen wird jedoch deutlich, dass sich hinter einigen dieser Wohngemeinschaften Wohnraum verbirgt, der von schwerst pflegebedürftigen Menschen bewohnt wird. Also von Menschen die weitgehend vollständig gepflegt werden müssen. Zum Einsatz kommen da gerne Hilfskräfte. Leider entziehen sich derartige Wohngemeinschaften derzeit einer staatlichen Kontrolle und die Gesetze, die den Heimbereich reglementieren und dem Schutz der Menschen dienen, finden in dieser so modernen Wohnform keine Anwendung, weil der Geltungsbereich derartige Wohngemeinschaften nicht erfasst. Schauen wir mal in einen anderen gewerblichen Bereich: in Schlachthöfen wird darüber diskutiert, ob es nicht sinnvoll ist, Kameras zur Überwachung einzusetzen. In der Pflege begnügen wir uns mit schönen Worten und Formulierungen im Gesetzestext. Nein, das genügt nicht. Bleibt zu hoffen, dass eine zukünftige gesetzliche Regelung zum Schutz von Beatmungspatienten auch wirklich zu Ende gedacht und in Gänze umgesetzt wird.

Wie sollte bzw. wird die Versorgung dieses Patientenkollektives nun zukünftig aussehen. Aufgrund des Mangels an wirklich qualifizierten Fachkräften wird man nicht umhin kommen, derart schwer erkrankte Menschen dauerhaft in stationären Einrichtungen zu Betreuen. Das ist natürlich nicht zu Hause, aber es ist ein Ort an dem die knappen Kompetenzen gebündelt werden können und eine wirklich sichere Versorgung möglich ist. Vielleicht wird sogar das Ziel der Entwöhnung vom Beatmungsgerät erreicht.

Natürlich, die Kosten. Nun, ein effizienterer Personaleinsatz, den eine stationäre Versorgungsform mit sich bringt, trägt sicherlich zur Reduktion der Kosten bei. Aber schauen wir mal auf die Kosten für die ambulante Versorgung. Diese sind immens und es sind auch keine Phantasiepreise. Bevor hier mit Fingern auf diejenigen gezeigt wird, die derartige ambulante Versorgungen organisieren, bedarf es zunächst einer genaueren Betrachtung der Sachlage.

Zunächst steht da zumindest noch jetzt der Grundsatz ambulant vor stationär.
Im weiteren geht es darum an 24 Stunden und 7 Tagen in der Woche die Versorgung zu organisieren. Wir sprechen somit von ca. 720 Stunden pro Monat, an denen eine Fachkraft zugegen sein muss und entsprechend bezahlt werden muss. Bei einer Vollzeitstelle mit einem Beschäftigungsumfang von 38,5 Std. / Woche benötigt man 4,3 Vollzeitkräfte und es ist noch kein Ausfall wie Urlaub, Krankheit, Fortbildung usw. berücksichtigt. Ein Blick in die Entlohnungstabellen des TvÖD für Pflegefachkräfte verschafft dann schnell Klarheit darüber, wie hoch alleine der Lohnkostenanteil ist. Hinzu kommen noch alle übrigen Kostenkomponenten inkl. Zulagen und Unternehmergewinn.

Vielleicht schauen sie jetzt einmal auf ihre letzte Handwerkerrechnung und rechnen was sie der Klempner kostet, wenn sie ihn 720 Stunden bestellen.

Hier wird schnell deutlich, dass sich diese hohen Preise relativieren. Wie in vielen Bereichen ist es auch hier so, dass dieser Umstand dazu verleitet durch den Einsatz weniger qualifizierter Fachkräfte oder gar von Hilfskräften die Gewinne zu steigern.

Ja und da haben wir es wieder, es fehlt an effektiver Kontrolle. Da ertrinken wir in einer Fülle von Gesetzen und Verordnungen und was am Ende dabei rauskommt ist eine beknackte Pflegenote, die nichts aussagt. Schaut doch mal auf den landesweiten Durchschnitt der Transparenzprüfungen in Niedersachsen (Note 1,2 „sehr gut“). Also eigentlich sollten wir bei so einer Top Bewertung doch keine Probleme in der Pflege haben. Sorry für die zynische Bemerkung.

Also abschließend: ja natürlich, eine Gesetzesinitiative, die man derzeit im Sinne von Patientenschutz nur befürworten kann und hier sollte die Schelte denen gelten, denen wir diesen Umstand zu verdanken haben, also allen die ihrer pflegerischen Verantwortung nicht nachkommen.